Porträt meines ersten Grätzels in Managua: Colonia Miguel Bonilla

In der ersten Phase im Einsatzland werden die Fachkräfte in Land & Leute sowie ausgewählte Projekte eingeführt. Zwischen zwei und sechs Wochen kann diese Phase andauern. Während dieser Zeit ist man auch bei lokalen Arbeitskolleginnen untergebracht, um die Lebensweise, das typische Essen kennenzulernen und Nica Familiendynamik zu schnuppern. Ich selbst wurde bei der Nichte einer Arbeitskollegin in der Colonia Miguel Bonilla untergebracht. Ganze 1,5 Monate von Anfang Juli bis Mitte August 2017 durfte ich dort bleiben, und sie haben mich sofort in ihre Familie aufgenommen, so als ob ich schon immer Teil davon war.

Unter der Zeit Somozas wohnten dort ausschließlich Militärs. Das macht es angeblich zu einem relativ sicheren Stadtviertel, oder auch nicht, denn auch dort gibt es manchmal Überfälle auf Geschäfte oder von Motorradfahrern gegen Fussgänger. Ein Bewohner meint zur Tageszeitung El Nuevo Diario, die Unruhestifter kämen von den Vierteln “Chorizo” und “Jocote Dulce” nach Miguel Bonilla. Zumindest, und das hat mir besonders gut an Miguel Bonilla gefallen, gibt es Leben auf der Straße. Es gibt ein paar wenige Bars, aber die scheinen vom Präsidenten der Nachbarschaft nicht gerne gesehen.

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Wir wollen keine Kantinen, dem muss ein Ende gesetzt werden. Der Dorfpräsident.

Im Park neben meinem ersten Zuhause in Managua gab es meist fussballspielende Kinder oder Männer, Familien die zusammensitzen oder kleine Veranstaltungen. Ab 7 Uhr abends ist aber auch der Park tunlichst zu meiden. Die Ungleichheit in Nicaragua ist groß, aber wenn es eine kleine Mittelschicht gibt, dann hier. Die Universidad Nacional Autónoma de Nicaragua, kurz UNAN, ist nicht weit, und die Colonia ist ein beliebter Wohnort für Studierende. Ich finde es etwas gewöhnungsbedürftig, dass alle Häuser vergittert sind. Es gibt ein paar kleine Supermärkte, sogenannte Pulperias, und die Menschen grüßen sich alle auf der Straße.

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Meine Stamm-Pulperia

Gesundes Essen gibt es dort meist nicht zu kaufen, das scheint generell eher schwierig zu sein, wenn man nicht viel Zeit hat danach zu suchen. Meine Gast-Mama Kassandra, gerade mal Anfang 20 und verantwortungsbewusster als so mancher Erwachsener, kocht mir jeden Morgen ein großes Nica Frühstück: Gallo Pinto ist sowieso bei jeder Mahlzeit mit dabei (Reis mit Bohnen), Eier, salziger Nica Käse, frittierte Bananen, Tortillas und zum Trinken entweder ein stark gesüsster Fresco (Fruchtsaft) oder Pinolillo, ein Getränk aus Maismehl und Kakao.

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Zugegebenermassen ist mir solch ein großes, deftiges Frühstück um 6 Uhr morgens eigentlich zu viel. Aber Kassandra steht jeden Tag mit mir auf, und ich möchte sie nicht vor den Kopf stossen und geniesse dieses stille Festmahl im kargen Wohnzimmer.

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Kassandra

Die BewohnerInnen von Miguel Bonilla schreiben eine lange Geschichte des Widerstands gegen die Zerstörung des danebenliegenden Naturareals, dem „Mokorón“, einer der letzten grünen Lungen der Stadt. Unter Somoza konvertierte die Nationalgarde das strategisch  günstig und höhergelegene Gebiet in ein Folterzentrum. 156 Tierspezien und unzählige Baumarten finden sich auf den ummauerten 340.000 Quadratmeter. Gleich bei mir ums Eck erzählen Wandmalereien vom Widerstand gegen die Zerstörung des Hügels.

Der Mokorón garantiert, dass Regen in die Grundwasserleitungen dringt und einen grossen Teil der Hauptstadt mit Trinkwasser versorgt. Ausserdem absorpiert das Gruengebiet Treibhausgase von den unzaehligen Fahrzeugen der Stadt. Der Huegel vermeidet, dass sich der Boden lockert und schuetzt so den suedlichen Teil der Stadt vor Ueberschwemmungen, da die Stroemungen oft Steine mit sich reissen und und auch die Regenwasserentwaesserung beschaedigen und die Kanaele blockieren, so der Umweltberater Julio Sánchez.

Schon seit dem Jahr 2003 kämpfen diverse Organisationen und die Zivilgesellschaft darum, dass das Areal in ein Naturreservat umgewandelt wird. Vor Jahren legte die Kommission zum Schutz des Mokorón der Nationalversammlung eine Initiative vor, die jedoch im November 2015 ins Gesetzesarchiv gewandert ist.

Ein anderes Problem der Colonia ist der rasende Busverkehr der Linien 168 und 111: man möge meinen, es werden Wettbewerbe veranstaltet, wer die meisten Passagiere in kürzester Zeit mitnimmt und ans Ziel bringt. Aber das ist eigentlich überall in der Stadt und der Umgebung so. Die interlocales, so wie die Regionalbuse die Masaya, Granda und Managua verbinden, werden von den Nicas liebevoll interMORTALes genannt. Bei rasender Geschwindigkeit kann man sich sicher sein, dass man schnell, aber dafür nicht unbedingt sicher an sein Ziel kommt.

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Die ersten Wochen in Managua im Juli und August sind bruehtend heiss, das Haus hat einen kleinen Patio aus Beton mit Limettenbäumen, und auch der Asphalt auf den Straßen speichert die Hitze bis in die Nachtstunden. Ab und an giesst der Himmel seine ganzen Tränen auf uns hinunter, das bringt ein bisschen Abkühlung. Ich sitze gerne im Innenhof oder am Balkon zur Straße, Hauptsache draußen, und gewöhne mich schnell an die seltsamen Blicke der Passanten und bin froh, dass ich hinter Gittern sitze.

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Der Patio mit Limettenbaum bei starkem Regen

An meinem letzten Abend in der Casa Miguel Bonilla sitze ich unter dem Willkommensschild und bin leicht wehmütig. Das Lebewohl fällt mir schwer, auch wenn ich mich sehr auf mein eigenes Heim und meine grüne Gartenoase freue. Wir lauschen der Chorprobe im Studierendenheim nebenan und den Zirpen hinter der Mauer vom Mokorón gegenüber von Hauseingang, während wir unseren letzten gemeinsamen Vanillekuchen verzehren. Abschiede fallen mir generell schwer, aber ich weiß, dass neue Abenteuer und Wege bevorstehen!

 

 

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